Raketen in Thüringen

 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 27. Oktober 2002

                       

Raketen in Thüringen

Neue Hinweise auf eine unbekannte Nazi-Waffenschmiede
 
VON ANDREAS OBERHOLZ

DÜSSELDORF. "God blessed America." Das schrieb die "Washington Post", als sie den Amerikanern am 27. August 1945 mitteilte, daß sie offenbar nur haarscharf an einem Desaster vorbeigekommen seien. Kurz vor Kriegsende, so hieß es auf der Titelseite, hätten die Nazis mit einer bemannten Rakete experimentiert, die in 17 Minuten den Atlantik überqueren und Ziele wie Washington, New York oder andere Ostküsten- Städte hätte angreifen können.

Doch in Peenemünde, dort, wo die bekannten Waffensysteme V1 und V2 erprobt worden waren, waren Spuren von weiterentwickelten Raketen nur auf dem Reißbrett zu finden. Daß es sie dennoch gegeben hat, darauf weist eine Einschätzung der United Strategic Air Force in Europa hin. In ihrem Bericht "Evaluation Capabilities in 1945" stellten die Amerikaner Anfang 1945 die Existenz einer großen Rakete von 68 Fuß Höhe fest - die V2 war 45 Fuß hoch - und prognostizierten deren Einsatz durch die Deutschen für das laufende Jahr. Eine Waffe dieser Größenordnung sollte beispielsweise die sogenannte Amerika-Rakete mit dem Kürzel A9/A10 und 5500 Kilometern Reichweite werden.

Wo diese Rakete produziert und erprobt wurde, darüber gab es bislang nur Spekulationen. Das könnte sich jetzt ändern. Aktuelle Untersuchungen von Luftbildern der 7. US Photo Group vom März 1945 zeigen auf dem Gelände eines ehemaligen Produktionsbetriebes für Bordmaschinenkanonen und Infanteriemunition im thüringischen Rudisleben bei Arnstadt eine mehr als hundert mal hundert Meter große verbrannte Fläche mit einer fünfeckigen Struktur (siehe Foto). Robert Zellermann, international renommierter Experte für militärische Altlasten und Unscom-Inspekteur für ABC-Waffen im Irak nach dem Golfkrieg, sagt: "Für einen Pulververbrennungsplatz, wie man dem Firmenzweck nach vermuten könnte, ist die Fläche viel zu groß." Eine mögliche Schlußfolgerung: Die Fabrik für Infanteriemunition war eine perfekte Tarnung für unterirdische Raketenforschung oder -produktion; außerdem könnte es hier auch eine Abschußbasis gegeben haben. Zellermann sagt: "Auch andere Details weisen auf eine Nutzung hin, die durchaus Raketentechnik heißen könnte." Der britische Luftbildfachmann Nigel Wylde läßt in einem aktuellen Gutachten keinen Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser These. Er diagnostiziert einen Raketenstartplatz und vermutet außerdem unterirdische Anlagen.

Weitere amerikanische Luftbilder aus den folgenden Wochen zeigen, daß Teile der fragwürdigen Anlage von der zweiten Märzhälfte 1945 an demontiert, mögliche Spuren also offenbar gezielt verwischt wurden. Eine Akte der 102. US-Infanterie-Division vom Juni 1945 berichtet von zwölf Tonnen höchst wichtiger Dokumente der Deutschen, die aus der Gegend Rudisleben/Ichtershausen abgefahren und als "top secret" klassifiziert wurden. Die Amerikaner haben, so der Bericht, die Dokumente unter Bewachung gestellt.

Auch wenige Kilometer weiter südwestlich wurden Luftbildauswerter inzwischen fündig. Eine kürzlich entdeckte Luftbildserie von 1943 zeigt den Truppenübungsplatz Ohrdruf. Dort fanden unabhängig voneinander Hans- Walter Borries, Spezialist für Altlastenbewertungen durch Luftbildanalyse, sowie Auswerter der Elmshorner Firma
SSP Exploration im Bereich eines heute munitionsverseuchten Waldgebietes eine Wallstellung. Diese ähnelt den Abschußanlagen im Raketenforschungszentrum Peenemünde. Außerdem sind dort Baracken und Häuser zu sehen, im Wald ist eine hervorragend getarnte militärische Infrastruktur zu erkennen. Borries vermutet, daß die Luftbilder 1943 deshalb aufgenommen wurden, um die Qualität der Tarnmaßnahmen am Boden zu überprüfen. Auf späteren Luftbildern der Amerikaner vom Sommer 1945 lassen sich in Ohrdruf sorgfältige Verschleierungsarbeiten erkennen, beispielsweise die Neubepflanzung ganzer Wegränder.

Seit Jahren schon ranken sich Spekulationen um diese Region am Nordrand des Thüringer Waldes. Eine bezieht sich auf 25 Stollen mit einer Gesamtlänge von fast drei Kilometern, die KZ-Häftlinge unter der Bauleitung von SS-Obergruppenführer Hans Kammler von November 1944 bis Anfang April 1945 in den Muschelkalk der Hänge nördlich der Jonastalstraße zwischen Crawinkel und Arnstadt treiben mußten. Sie sind leer, ihr Zweck ist unbekannt.

Thomas Mehner, Autor und Verleger aus Zella-Mehlis, vermutet, daß der unvollendete Stollenkomplex im Jonastal nur eine von mehreren unterirdischen Anlagen im Einzugsgebiet des seit 1907 bestehenden Truppenübungsplatzes Ohrdruf sei. Andere Stollen seien getarnt oder zugesprengt worden. Mehner verweist auf ein mysteriöses Dokument: "Ein Colonel Robert Allen aus dem Umfeld von US-General Patton beschreibt für den April 1945 in seinen Memoiren den Fund von sechs unterirdischen Objekten, mit kilometerlangen Gängen - in einem Fall angelegt wie die Speichen eines Rades -, Vorratsräumen, Badezimmer, Toiletten, Büros, Kino, Freizeiträumen, Bars, Küchen."

Daß Einheiten von Colonel Allen seinerzeit tatsächlich auf eine geheime, weitverzweigte Anlage gestoßen sein könnten, dafür spricht die große Anzahl der abkommandierten Häftlinge. Für die heute bekannten Stollen im Jonastal hätten nach Meinung von Bergbauexperten nicht Tausende, sondern nur ein paar hundert Häftlinge eingesetzt werden müssen. Im Gebiet des Truppenübungsplatzes Ohrdruf waren nach Unterlagen des Buchenwald- Archivs mindestens 20 000, wenn nicht gar 30 000 Zwangsarbeiter beschäftigt.

Mehner ist überzeugt, daß hier bei Ohrdruf Atomwaffen- und Raketenforschung betrieben wurde, vorangetrieben vermutlich von der SS und der bislang in der Geschichtsforschung wenig beachteten Reichspostforschungsanstalt, die im Krieg mit High-Tech-Projekten befaßt war.

Auch die Staatssicherheit der DDR interessierte sich Anfang der sechziger Jahre für das Gebiet um Ohrdruf und Arnstadt. Allerdings sind nur wenige Protokolle der damaligen Befragungen von Zeitzeugen auffindbar. Diese sprechen gleichwohl übereinstimmend von Versuchsaufbauten für Raketenabschüsse bei Rudisleben und nennen - trotz des häufigen Fliegeralarms und der vielen Ausgangssperren - konkrete Daten für ungewöhnliche Lichterscheinungen in der Region. Beeindruckt zeigten sich die Zeugen vor allem von den Abendstunden des 16. März 1945, als "etwas mit langem Feuerschweif gen Himmel gestiegen" sein soll.

Die "Washington Post" vom 27. August 1945 schrieb indes nicht nur von konventionellen Raketen. Sie berichtete auch davon, die Deutschen hätten das Experimentalstadium mit "der verheerenden Atom-Bombe" erreicht. Spezialteams seien auf "intelligente Ziele" in Deutschland angesetzt gewesen. Und amerikanische Wissenschaftler sollen, so die Zeitung, deren Entdeckungen als "sensationell" bezeichnet haben.
 
 Quelle :  (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
 

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